Mit Drall: Herstellung in der Seilerei
Im Laufe der letzten zweihundert Jahre hat sich das Herstellungsprinzip von Seilen zwar nicht verändert, die Ausgangsmaterialien und Maschinen jedoch schon.
Darstellung des Seilerhandwerks von ca. 1820. Ursprünglich befand sich die Seilerbahn im Freien, häufig in einer Gasse entlang der Stadtbefestigung.
Seilerinnen und Seiler stellten – hauptsächlich aus Naturfasern – in Handarbeit verschiedene Seilerwaren her. Vereinfacht gesagt mussten dabei einzelne Fasern zu Fäden versponnen werden, um diese wiederum weiter zu Seilen unterschiedlicher Dicke verdrehen zu können.
Ein Seil entstand immer auf gerader Strecke, denn nur so ließ sich der notwendige Drall erzeugen. Die bis zu 400 Meter langen Seilerbahnen befanden sich ursprünglich häufig im Freien – oft entlang der Stadtbefestigung. Später waren sie teilweise oder vollständig überdacht. Am Ende der Bahn waren in der Regel der Material- und Geräteschuppen sowie das Seilerrad zum Spinnen der Fäden und das Kammgeschirr zum Verdrehen der Fäden bzw. Schnüre zu finden.
Die 72 Meter lange Seilerei des LWL-Freilichtmuseums Hagen Ende der 1960er-Jahre. Sie gehörte zu den ersten Gebäuden im Mäckingerbachtal.
Am anderen Ende der Seilerbahn – auf der gegenüberliegenden Seite des Kammgeschirrs – befand sich der Schlitten, auch Seilwagen genannt. An diesem war ein einzelner Haken, der Nachschlaghaken, befestigt. Der Nachschlaghaken war mit einem Splint so fixiert, dass er sich beim Verdrehen nicht mitdrehen konnte. Für die spätere Länge des Seiles war der gewählte Abstand zwischen Kammgeschirr und Schlitten entscheidend. Zur gewünschten Endlänge musste etwa ein Drittel dazugerechnet werden – für ein Seil mit Endknoten weitere 15 bis 20 Zentimeter.
Obwohl im Laufe des 19. Jahrhunderts Maschinen für die Seilproduktion auf den Markt kamen, gab es bis ins 20. Jahrhundert hinein noch viele kleinere Betriebe – die Handseilereien. Sie arbeiteten vor allem in ländlichen Raum. Sie stellten in Handarbeit zum Beispiel Seile und Kälberstricke für die Landwirtschaft her.
Mit der Elektrifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden auch Seilereimaschinen elektrifiziert. Der Seiler bzw. die Seilerin konnte nun allein arbeiten. Eine zweite Person zum Kurbeln des Kammgeschirrs war überflüssig, da das Geschirr nun von einem Elektromotor angetrieben wurde.
Rohstoff Hanf
Um glattes und langfaseriges Material zu erhalten, musste der Rohhanf durch die Stahlzähne der Hechel gezogen werden.
Wichtigster Rohstoff des Seilerhandwerks war der Hanf. Seilerinnen und Seiler kauften den Rohhanf in Ballen von drei bis fünf Zentnern Gewicht auf speziellen Hanfmärkten. Die meisten westfälischen Seilereien bezogen ihr Rohmaterial vom Hanfmarkt in Telgte – wo nicht nur heimischer Hanf angeboten wurde, sondern auch Importware.
Der Rohhanf musste zunächst gehechelt werden. Dazu wurde er von Hand durch die Stahlzähne verschiedener grober und feiner Hecheln gezogen, um glattes und langfaseriges Material zu erhalten. Nach dem Hecheln wurde der Hanf versponnen und schließlich zu Seilen geschlagen.
Heute werden Seile oft maschinell aus synthetischen Materialien wie Nylon, Polypropylen oder Polyester hergestellt, was die Produktion effizienter gemacht hat. Dennoch werden traditionelle Seilherstellungstechniken in einigen Handwerksbetrieben und für spezielle Anwendungen immer noch praktiziert.
Schnüre, Seile, Taue und Stricke
- Eine Schnur besteht aus mindestens zwei Fäden.
- Ein Seil besteht aus mindestens zwei Schnüren.
- Ein Tau besteht aus vier Schnüren mit jeweils 16 bis 50 Fäden.
- Stricke sind kurze Seile von etwa 2 Metern Länge.
Mehrere aus Fasern gesponnene Fäden werden zunächst zu Litzen zusammengedreht. Aus mehreren Litzen wird dann das Seil geschlagen. Ein dünnes Seil besteht aus 3 bis 4 solcher Litzen, die verdrillt werden.
Der Kälberstrick kostete in der Seilerei Surkamp in Steinfurt in den 1970er-Jahren je nach Länge übrigens zwischen 90 Pfennig und 1,40 DM.
Seilerei-Maschinen der Firma Surkamp in Steinfurt-Borghorst
Mit der Elektrifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden auch Seilereimaschinen elektrifiziert. Hier können Sie sehen, wie ein Kälberstrick und ein dickeres Seil geschlagen werden und wie eine automatisierte Wickelmaschine arbeitet.
Literatur
- Gitta Böth: Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte zur Geschichte des Seilerhandwerks in Glandorf: Die Seilerei Lefken. In: Volkskunde in Niedersachsen (1988), S. 47–56.
- Thomas Kahle: Seilerei – ein Handwerk mit langer Tradition. Seilereiausstellung im LWL-Freilichtmuseum Hagen. In: Technische Kulturdenkmale. Zeitschrift für Handwerks- und Technikgeschichte 41 (2004), S. 9–10.
- Lisgret Militzer-Schwenger: Handwerkliche Seilherstellung. Seilerei Lefken aus Glandorf im Westfälischen Freilichtmuseum Hagen – Landesmuseum für Handwerk und Technik (= Westfalen im Bild. Eine Bildmediensammlung zur westfälischen Landeskunde. Westfälische Handwerksgeschichte, Heft 6). Münster 1992.
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